–– Vlasta Beck und Martin Okrslar

Die erste ambulant betreute Pflege-Wohngemeinschaft der MARO Genossenschaft,
ein Interview mit Vlasta Beck

von Magdaléna Matejkova

Vlasta Beck ist bei der MARO Genossenschaft für Netzwerkaufbau & Moderation der Wohngemeinschaften zuständig und wird vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege als Moderatorin der Gremien der Wohngemeinschaften gefördert.

MM: Vlasta, Du hast beruflich einen umfangreichen Werdegang, der Dich – ich sag es mal so – für die Arbeit bei der MARO prädestiniert. Erzähl mal.

VB: Ursprünglich war ich lange als gelernte Altenpflegerin tätig, habe dann eine zweijährige Zusatzausbildung zur gerontopsychiatrischen Fachkraft gemacht, die mir erstmal theoretische Kenntnisse über Demenz und dann im Rahmen des Berufes natürlich auch die praktischen Kenntnisse und Erfahrungen gebracht hat.
Nach zehn Jahren habe ich die Altenpflege verlassen, habe in der Beratungsstelle „Fachstelle für pflegende Angehörige“ in Starnberg angefangen, habe nach zwei Jahren dann die „Fachstelle für pflegende Angehörige“ bei der Alzheimer Gesellschaft in Weilheim übernommen, die ich dann sieben Jahre geleitet habe.
In sieben Jahren kommt man natürlich mit sehr vielen Menschen in Kontakt – Menschen die mit Demenz leben, ob jetzt dann als Betroffene oder Angehörige, also sehr viele Gespräche, sehr viele Beratungen, sehr viele Geschichten die mit demenzieller Erkrankung zu tun haben, viele Erfahrungen aus dem praktischen Feld und aus dem echten Leben.
Ja und dann – da war ich vielleicht fünf Jahre bei der Alzheimer Gesellschaft – ist da ein junger Mann in unser Büro reingeschneit, das war der Martin Okrslar, und hat gesagt: `Leute, ich hab da so eine Idee. Ich würde gerne in Weilheim die erste Demenz-Wohngemeinschaft der MARO Genossenschaft bauen´. MARO Genossenschaft – wussten wir ja noch gar nicht wer oder was das ist, aber was eine Demenz-Wohngemeinschaft ist, das konnten wir uns vorstellen. Weiter wollte er wissen, ob wir als Initiatoren dabei sein wollen und das wollten wir. So ist die Zusammenarbeit zwischen der Alzheimer Gesellschaft in Weilheim und der MARO Genossenschaft entstanden und damit auch letztendlich meine Zusammenarbeit mit der MARO Genossenschaft.
Ich bin dann 2015 auf den Zug der MARO Genossenschaft aufgestiegen und hab die Moderation für die Wohngemeinschaften übernommen – und bin geblieben. Zur Moderation kam mit der Zeit die Koordination der bestehenden Wohngemeinschaften hinzu, sowie Qualitätssicherung, Netzwerkaufbau und insgesamt die Begleitung der Wohngemeinschaften vom Spatenstich bis zur Gründung des Gremiums.
Ja, weshalb passt diese Aufgabe zu mir? Ich würde sagen, weil ich eben diese Ausbildung, Fort- und Weiterbildungen habe, weil ich sehr viel Erfahrung aus dem praktischen Leben mit Menschen mit Demenz und mit ganzen Familien die letztendlich betroffen sind, habe. Irgendwann habe ich dann auch, ich glaub sechs Semester waren das, Mediation und Coaching studiert. Das bedeutet zusätzliche Kenntnisse in Kommunikation, Gesprächsführung, natürlich auch in Gewaltfreier Kommunikation. Das hat mir auch beigebracht (Vlasta lacht) dass ich Geduld haben muss, dass alle Menschen irgendwie gut und irgendwie schlecht sind und dass man in allem auch das Gute finden kann, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht. Das klingt jetzt vielleicht so, als hätte das nichts mit meinem Beruf zu tun, aber das hat es unbedingt. Man muss sich nur vorstellen, dass es für Angehörige um die Unterbringung ihrer Liebsten geht, dass es für die Betroffenen um eine Neugestaltung ihres Lebens geht. Da können Meinungen und Bedürfnisse richtig zusammenrempeln, da kann es auch mal sehr emotional werden, und das ist dann für alle eine Herausforderung.

MM: Gibt es einen besonderen Grund, weshalb Du seit inzwischen 6 Jahren bei der MARO bist?

VB: Ja. Die Überzeugung dass das eine gute Sache ist; dass wir diese kleinen Einrichtungen wie Demenz- sowie Pflege-Wohngemeinschaften brauchen; dass wir auch Hausgemeinschaften wie die MARO Mehrgenerationen-Wohnprojekte brauchen; dass wir insgesamt mehr Gemeinschaft brauchen; na ja – und dann die Überzeugung dass die MARO Genossenschaft das gut macht, dass es die MARO richtig macht.
Ach ja, und dann ist da auch noch das sehr gute Klima im Kollegium.

MM: Woher kommt das Konzept für die Wohngemeinschaften? Hast Du das mitentwickelt?

VB: Das ist entstanden bevor ich eingestiegen bin, das waren die beiden Vorstände Martin Okrslar und Inge Schmidt-Winkler, die sich mit dem Konzept der Wohngemeinschaft beschäftigt haben. Die haben auch das meiste entwickelt, sind aber immer mit uns, also der Alzheimer Gesellschaft, in Kontakt gewesen und haben unsere Erfahrungen und unsere Meinungen abgefragt. Auf die Weise habe ich daran, zu dem Zeitpunkt noch als Leitung der Fachstelle bei der Alzheimer Gesellschaft, auch irgendwie mitgewirkt. In all den Jahren wurde dann immer wieder etwas geändert, erweitert, ergänzt, neu- und weiterentwickelt, ob jetzt baulich oder ideell, da war ich dann wirklich intensiv beteiligt.
Als wir dann die erste Doppel-Wohngemeinschaft in Dietramszell beschlossen haben, also Demenz-Wohngemeinschaft und Pflege-Wohngemeinschaft in einem Gebäude, musste das bestehende Konzept um die Aspekte der Pflege-Wohngemeinschaft erweitert werden, das hab dann vorrangig ich gemacht.

MM: Wen willst Du – bzw. wir, die MARO – wen wollen wir mit dem Angebot der Pflege-Wohngemeinschaft ansprechen, und wen nicht?

VB: Hauptsächlich die Menschen, die selbst pflegebedürftig sind. Menschen die merken, ich brauch´ Unterstützung, ich brauch´ Hilfe, ich bin klar im Kopf aber körperlich eben angeschlagen, oder richtig krank, oder halbseitig gelähmt, oder ich habe Parkinson. All die Menschen, die merken, dass sie Hilfe und Unterstützung brauchen, die aber ihren Alltag selbst gestalten wollen, die selbst bestimmen können wie der Alltag auszuschauen hat.
Außerdem natürlich Angehörige dieser Menschen, also auch die ganzen Familien. Es kann sein, dass der Pflegesuchende die Entscheidung für oder gegen eine Wohngemeinschaft nicht allein treffen will, dass er Unterstützung braucht, dass er in verschiedenen Bereichen dann auch Begleitung braucht, ob jetzt finanziell, beim Umzug oder bei den Alltagsverrichtungen in der Wohngemeinschaft.
Wen wollen wir nicht ansprechen. Hm, ich überlege gerade wie ich das formulieren kann.
Normal ist es, wenn jemand der sich an uns wendet zweifelt, unsicher ist, sich nicht vorstellen kann, dass das funktioniert und auch meckert – das gehört zum kritischen Menschen ja dazu. Wen wir uns nicht wünschen sind Menschen, die ich als Ja-Aber-Sager bezeichnen möchte, Menschen, die man nie zufrieden stellt, mit keiner Antwort. Skeptisch darf man sein, und Vorschläge kann man einbringen. Wer aber das ganze Konzept in Zweifel zieht und durch das Ja-Aber im Grunde die Wohngemeinschaft, so wie wir sie gestalten, nicht annehmen möchte, denjenigen wollen wir nicht ansprechen. Die Entscheidung zur MARO Pflege-Wohngemeinschaft ist schließlich freiwillig und das Angebot nur bedingt verhandelbar.

MM: Was überzeugt Dich am Konzept der Pflege-Wohngemeinschaft, was macht die MARO besonders gut?

VB: Na ja, was überzeugt mich. Das ist letztendlich das selbe, was mich an dem Konzept der Demenz-Wohngemeinschaft überzeugt, also: es ist eine kleine Einrichtung; jeder hat ein eigenes Zimmer mit Bad; es sind maximal zehn Menschen die in der Wohngemeinschaft leben; wir haben einen Personalschlüssel von 3 – 2 – 1, also drei im Frühdienst, zwei im Spätdienst, einer in der Nacht. Wenn wir da von sieben bis fünfzehn Uhr drei Menschen haben, dann kann man sich vorstellen, dass man mit den Bewohnern sehr viel machen kann. Dann kommt noch etwas dazu, in der Pflege-Wohngemeinschaft ganz besonders: es sind Menschen die zwar pflegebedürftig sind, aber sie sind nicht an Demenz erkrankt – also ganz einfach auszudrücken – sie sind klar im Kopf. Das heißt sie werden ihren Alltag definitiv selber gestallten, oder sie werden sagen, was sie wollen, wie sie das wollen, wieviel davon, wie oft. In der Pflege-Wohngemeinschaft ist die Selbstbeteiligung und hauptsächlich die Selbstbestimmung letztendlich hundert Prozent, und das überzeugt mich total. Das sind Menschen die selber im Gremium sitzen und sagen was zu tun ist und was nicht, die mit dem Pflegedienst in Kontakt treten, die sich dauerhaft mit allen externen Anbietern austauschen und letztendlich jeden Tag beeinflussen wie die Wohngemeinschaft funktioniert, wie sie in der Wohngemeinschaft leben, wie der Alltag für sie ist.
Klar, das ist nicht nur Friede-Freude-Eierkuchen. Diese Menschen müssen natürlich auch irgendwie zusammenfinden, da geht es auch mal zur Sache, da müssen auch mal die Fetzen fliegen, damit dann wieder ein Kompromiss gefunden werden kann. Um aufgestauten oder gar unlösbaren Konflikten von vorneweg entgegenzuwirken, und um den Prozess der Gemeinschaftsbildung professionell zu begleiten bin ich im Rahmen der Moderation von Anfang an dabei. Prozesse die ja ganz normal sind in jeder Gemeinschaft, ob das eine Familie ist, eine Nachbarschaft oder ein Büro.
Aber auch das ist ein wesentlicher Teil selbstbestimmten Lebens – für sich einzutreten, zu kämpfen und Kompromisse und Lösungen für sich zu suchen und zu fordern. Das finde ich schon sehr überzeugend.

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