–– Miteinander Reden

Reden, aber miteinander!

Teil 1: MARO Mitarbeiterin und Mediatorin Vlasta Beck berichtet über ihre Erfahrungen

Auch in der besten Ehe, zwischen den allerbesten Freunden – und auch zwischen Nachbarn und innerhalb der MARO-Hausgemeinschaften kommt es manchmal zum Streit. Oft finden die Parteien selbst einen Weg, um den Konflikt aus der Welt zu räumen. Aber leider geht das nicht immer so leicht. Es gibt Stress und Ärger, und manchmal mündet der Streit sogar in jahrelange Auseinandersetzungen, Misstrauen, Hassgefühle. Und er kann auch zur völligen Zerstörung der Gemeinschaft führen.

Die gute Nachricht ist: Wer das nicht will, kann sich Hilfe holen. Am besten von einer professionellen Mediatorin oder einem Mediator.

Vlasta Beck, die sich für die MARO Genossenschaft um Organisation und Betreuung der Demenz-Wohngemeinschaften kümmert, ist eine solche ausgebildete Mediatorin. Und sie hat auch schon im einen oder andern Konflikt in MARO-Projekten vermittelt.

Bevor eine Mediation überhaupt beginnen kann, müssen sich die streitenden Parteien ein paar Dinge klar machen: „Am wichtigsten ist: Sie müssen erkennen, dass sie überhaupt ein Problem haben“, erklärt Vlasta Beck. An zweiter Stelle steht dann, dass alle Beteiligten eine Lösung ihres Konflikts überhaupt wollen. Und schließlich sollten sie darin übereinstimmten, dass sie allein es nicht schaffen, die Situation zu lösen.
Vlasta Beck: „Mit Zwang, also zum Beispiel, wenn ein Arbeitgeber sagt: Sie müssen eine Mediation machen, ist gar nichts zu erreichen.“

Wird sie als Mediatorin gerufen, klopft sie zunächst ab, ob diese drei Voraussetzungen auch vorliegen. Und bevor es dann ans Eingemachte geht, – also um das eigentliche Problem und die Suche nach einer Lösung -, legt die Gruppe noch fest, wie sie miteinander umgehen will. Es werden Regeln ausgearbeitet, auf ein Plakat geschrieben und für alle sichtbar im Raum platziert. Solche Regeln können etwa sein, dass man sich gegenseitig ausreden lässt, dass Beleidigungen tabu sind, bestimmte Worte nicht benutzt oder Schuldzuweisungen vermieden werden. In jeder Gruppe sind die Regeln ähnlich, aber keineswegs identisch, sagt Vlasta Beck.

Doch die Regeln garantieren noch lange nicht, dass es von Beginn an gesittet und freundlich zugeht. Im Gegenteil: Manchmal fliegen ganz schön die Fetzen. „Am Anfang ist das manchmal wirklich dramatisch“, erzählt sie. Immerhin tragen die Parteien den Konflikt meistens schon eine ganze Weile mit sich herum, Gefühle haben sich aufgestaut und angesammelt und auch der Leidensdruck ist für alle groß.

„Die Mediatorin bekommt von der Gruppe das Recht, dass sie jederzeit eingreifen kann. Auch das wird am Anfang vereinbart“, betont Vlasta Beck. Sie kann also die Regeln in den Vordergrund rücken, sie sortiert und ordnet Meinungen, filtert Emotionen aus den Aussagen heraus,„übersetzt“ das Gesagte. „Das ist mein Job“, sagt sie. Letztlich gibt sie Hilfestellungen, damit alle Beteiligten zum Kern ihres Problems vordringen können. Denn das Ziel der Mediation ist, dass die Parteien zu eine Lösung finden können, mit der alle zufrieden sind.

„Die Leute streiten nicht darüber, dass ein Bewohner zum Beispiel immer wieder auf dem falschen Parkplatz sein Auto abstellt. Sie streiten über Emotionen“. Die Mediatorin betont, dass diese Gefühle ihren Platz im Einigungsprozess bekommen müssen. Sie müssen ausgesprochen und benannt werden. Sie sind real und sie sind erlaubt. Und: Sie sind es, die Gespräche blockieren und dafür verantwortlich sind, dass eine Lösung von den Parteien erst gar nicht in den Blick genommen werden kann.

Um den Beteiligten das klar zu machen, schlägt Vlasta Beck den Leuten manchmal einen Rollentausch vor. Wie fühlt es sich an, die Beschimpfungen zu hören, mit denen ich den anderen überschüttet habe? Wie ist es, meine eigene Wut aushalten zu müssen? „Das ist oft eine sehr heilsame Erfahrung“, sagt sie. „Aber natürlich geht es nur, wenn alle dafür offen sind.“

Oft seien die Parteien überrascht, dass eigentlich alle ganz ähnliche Gefühle in den Konflikt hineintragen. Oft sind Unsicherheit und Hilflosigkeit, Verletztsein oder ein Gefühl von Überforderung auf beiden Seiten vorhanden.

Am Ende des Prozesses steht im Idealfall eine Lösung des eigentlichen Problems. Im Beispiel weiter vorne könnte die Gruppe etwa vereinbaren, ob oder wann der Nachbar einen fremden Parkplatz nutzen darf, weil er für ihn einfach praktischer oder angenehmer ist.

Doch: „Ich als Mediatorin löse das Problem nie“, stellt Vlasta Beck klar. Lösungen zu finden ist alleinige Aufgabe der Kontrahenten. Sie sei als Mediatorin nur Begleiterin auf dem Weg zur selbstständig ausgehandelten Übereinstimmung.

Leider jedoch kann eine Lösung nicht immer gefunden werden. Sie habe schon Parteien erlebt, bei denen alle Methoden und alle vorher vereinbarten Regeln versagten, und die den Weg hin zu einer Lösung erst gar nicht betreten konnten. Obwohl sie selbst den Versuch mit einer Mediation wagen wollten, war der Streit zu weit fortgeschritten, die Positionen waren unversöhnbar in Zement gegossen. Es habe nur Schuldzuweisungen, Wut und Aggression gegeben, alle Versuche, wenigstens ruhig miteinander zu reden, scheiterten.

„Als Mediatorin muss ich auch erkennen können, wenn ich nicht helfen kann“, seufzt Vlasta Beck. In einem solchen Fall gebe es nur: Aufgeben und die Mediation abbrechen. Natürlich lässt sie ein solcher Ausgang nicht kalt. Doch: „Scheitern gehört zu meinem Beruf dazu. Ich kann die Leute nur begleiten, und ich weiß, dass ich ihre Konflikte nicht lösen kann. Das müssen sie am Ende immer selbst schaffen.“

Tipp: Adressen von Mediator*Innen gibt es im Internet. Zum Beispiel auf der Seite www.mediation-deutschland.de. Hier finden Sie Links zu den Webseiten von Verbänden, die teilweise Suchfunktionen anbieten. Dort gibt es auch vielfältige weitere Informationen zum Thema.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.